First Central European Polar Meeting - Pure-Landscapes

First Central European Polar Meeting

14.11.2015, Christoph Ruhsam

Das "First Central European Polar Meeting" fand in den würdigen Räumen der Österreichischen Akademie der Wissenschaften vom 10.-13.11.2015 statt. Wolfgang Schöner vom Austrian Polar Research Institute (APRI) war die treibende Kraft und hat ca. 120 wissenschaftliche Teilnehmer aus Europa gemeinsam mit dem tschechischen "Center for Polar Ecology" und dem polnischen "Committee on Polar Research" motiviert an einem umfangreichen Programm teilzunehmen bzw. es zu ermöglichen - waren doch viele Teilnehmer selbst Vortragende. Das Programm war bewusst breit gestreut und um Interdisziplinarität bemüht. Die Beiträge behandelten sowohl Aspekte der Klimaerwärmung im polaren Kontext, Glaziologie, Ressourcengewinnung, die Biosphäre, polare Historie als auch Humansoziologie und Religion der polaren Bewohner und erstreckten sich damit von Grönland über Alaska in die sibirische Arktis bis nach Svalbard und speziell nach Franz Josef Land. Letzteres steht in direktestem Zusammenhang mit dem Grundthema der Veranstaltung: Der Würdigung der Verdienste für die österreichische Polarforschung des österreichisch-ungarischen Polarforschers, Bergpioniers, Kartographen und Landschaftsmalers Julius Payer, dessen hundertster Todestag (29.8.1915) sich heuer wiederholt. Ich stellte mit einer Serie von sechs Leinwandbildern von Franz Josef Land die Räumlichkeiten der Akademie der Wissenschaften unter das Motto der Veranstaltung und durfte als Nicht-Polarforscher von Donnerstag bis Freitag teilnehmen!


Österreichische Akademie der Wissenschaften

Ich stellte mit einer Serie von sechs Leinwandbildern von Franz Josef Land die Räumlichkeiten der Akademie der Wissenschaften unter das Motto der Veranstaltung und durfte als Nicht-Polarforscher von Donnerstag bis Freitag am wissenschaftlichen und öffentlichen Teil der Veranstaltung teilnehmen.


Um die Payerschen Verdienste zu beleuchten, wurden auch besondere Keynote-Redner eingeladen: Susan Barr vom norwegischen Direktorat für erhaltenswertes Kulturerbe in polaren Gebieten und gleichzeitig Präsidentin des "International Arctic Science Committee" IASC. Sie sprach über "Discovery and early research in Franz Josef Land". Der Autor der jüngst erschienenen Payer Biographie Frank Berger (Historiker und Kurator am Historischen Museum Frankfurt) ging auf Payers Leistungen spezifisch ein mit seinem Vortrag "Julius Payer and the development of international polar research".


Keynote Redner: Barr, Berger

Wissenschaftlich Vortragende

Die persönlichen Kontakte mit Susan Barr, Frank Berger, Heinz Slupetzky (Glaziologe und Professor am Institut für Geografie und angewandte Geoinformatik, Universität Salzburg) und anderen Teilnehmern waren besondere Momente für mich. Barr ist Editor eines der wenigen Bücher über Franz Josef Land, das jedoch mittlerweile leider vergriffen ist (sie stellte mir einen öffentlichen Zugriff auf die digitale Reproduktion zur Verfügung).


Freitagnachmittag fand eine öffentliche Spezial-Sitzung zu Julius Payer statt. Wolfgang Schöner zeigte in seiner Keynote "Was bleibt von Julius Payer für die österreichische Polarforschung?", wie sehr Payer für die österreichische Polarforschung prägend war und immer noch ist. Seine Entdeckungen im Franz Josef Land-Archipel mit vielen Namensgebungen aus der österreichisch-ungarischen Monarchie (Kap Triest, Kap Fiume - heute Rijeka -, Kap Tirol, Wiener Neustadt Insel, Kronprinz Rudolf Insel, uvm.) sind der historische Anker für österreichische Polarforscher, auf diesem hocharktischen Inselarchipel die Gletscherforschung voranzutreiben. Zudem gab es wiederholte Versuche, dort eine österreichische Polarstation zu errichten, was aufgrund des geringen Interesses des russischen Staates aber bis dato nicht möglich war.


"Was bleibt von Julius Payer für die österreichische Polarforschung?"

Am Ende der Spezial-Sitzung stand mein Vortrag "Auf der Suche nach dem offenen Polarmeer - Julius Payers vereistes Polarmeer im Jahr 2012". Ich spannte dabei den Bogen von der paradoxen Vorstellung des 19. Jhs. eines eisfreien arktischen Ozeans über den Nachweis durch Julius Payer, dass es diesen nicht gebe, hin zu den aktuellsten Satellitenmessdaten, die den klimaerwärmungsbedingten geringsten sommerlichen Meereisstand im Jahr 2012 belegen.


"Auf der Suche nach dem offenen Polarmeer - Julius Payers vereistes Polarmeer im Jahr 2012"

August Petermanns Theorie des offenen Polarmeeres ging davon aus, dass der Nordpol eisfrei sei und man nur einen Eisgürtel durchbrechen müsse, um in eine "arktische Speisekammer" zu kommen bzw. direkt über den Nordpol bis zur asiatischen Seite in die Beringstraße segeln zu können. Diese Theorie war auch Anlass für die österreichisch-ungarische Nordpolexpedition von 1872-74, gerade zwischen Spitzbergen und Novaja Zemlja Richtung Norden zu dampfen, und wurde dadurch zum Auslöser für eine der letzten großen arktischen Landentdeckungen, den "Kaiser Franz Josef Land"-Archipel. Payer stand am 12. April 1874 am nördlichsten Punkt des Archipels auf 81° 50′ nördlicher Breite und nannten ihn Kap Fligely. Von dort aus blickte er nach Norden und sah "nichts als Eis, das das Meer bedeckte". Damit widerlegte er A. Petermanns Theorie des offenen Polarmeeres. Ein offener arktischer Ozean wird nun im 21. Jh. auf völlig neue Weise Realität: Durch die Klimaerwärmung, die die mittlere Welttemperatur seit der letzten kleinen Eiszeit am Ende des 19. Jhs. bereits um mehr als 1°C  ansteigen hat lassen, zeichnet sich eine grundlegende Änderung in der arktischen Meereisbedeckung ab: Seit dem Beginn der Satellitenvermessungen des arktischen Ozeans im Jahr 1979 ist die sommerliche Eisbedeckung um 50% zurückgegangen und das Eisvolumen (Eisdicke) hat um 80% abgenommen. Die Erderwärmung ist besonders in polaren Breiten besonders stark und bewirkt damit eine positive Rückkopplung: Weniger Eisfläche stellt mehr dunkle Absorptionsflächen im Wasser zur Verfügung, wodurch die Wärmestrahlung viel stärker aufgenommen wird und zu einer stärkeren Erwärmung führt. Eine Art "nichtlinearer Kippeffekt". Das geringere Eisvolumen wirkt zudem nicht mehr als schützender Eispanzer über dem Wasser und wodurch die 1-2m dicke Eisdecke viel leichter durch Wellen und Stürme aufgebrochen wird. Nicht nur die arktische Fauna und Flora verändert sich dadurch rasch, sondern auch das Klima der südlich gelegenen Länder. Somit war Petermann im 19. Jhdt. auf unerwartete Weise seiner Zeit voraus und Julius Payer hat mit seiner Sichtung von "ewigem Eis am Horizont" eine historische Beobachtung protokolliert.


Video: Chasing Ice - das offene Polarmeer

Theatersaal

Im Anschluss gab es Zeit zum Plaudern. Es war schon ein Geschenk dieses Nachmittags, als Verwandte der Expeditionsmitglieder der Julius Payer und Carl Weyprecht-Nordpolexpedition unter den Zuhörern saßen: Dr. Heidi von Leszczynski ist die Urgroßnichte von Carl Weyprecht (Weyprecht blieb kinderlos, aber durch Carls Schwester ging die Weyprechtlinie weiter). Herr Dr. Wolfgang Ladenbauer und seine Schwester Helga Reiter sind die Urenkel Eduard Orels, des Schiffsnavigators der Tegetthoff. Unter den Besuchern war auch Dr. Enrico Mazzoli, der mit Gattin extra aus Triest angereist war. Er erläuterte, dass Orels Sohn, Eduardo von Orel, der Erfinder des Stereo-Autographen ist und dabei mit der Firma Carl Zeiss in Jena zusammen arbeitete. Er wurde zum Experten und Pionier dieser Methode und erstellte damit die erste photogrammetrische Landkarte des Ortlergebietes. Damit gibt es einen weiteren schönen Bezug zu Julius Payer, der den Ortler mit den Mitteln der 2. Hälfte des 19. Jhs. als Erster kartographiert hatte. Dr. Mazzoli ist leitender Konservator am Meeresmuseum Triest und hat gemeinsam mit Frank Berger und Unterstützung von Weyprechts Urgroßnichte Dr. Leszczynski eine Biographie über Carl Weyprecht herausgegeben.


Carl von Weyprecht und Eduard Orel

Vortragende und Verwandte von Weyprecht und Orel: Fr. Mazzoli, Schöner, Ruhsam, Leszczynski, Reiter, Ladenbauer, Mazzoli, Berger

Im Vortragssaal waren die Reste der Weyprecht Flaschenpost in einer Vitrine zu sehen, die Carl Weyprecht 1874 geschrieben hatte, als er die Mannschaft auf dem Rückzug zum Durchhalten angesport hatte. Diese Flasche wurde 104 Jahre später, im Jahr 1978, von einem russischen Forscher, Wladimir Serow, auf der Insel Lamont im Franz Josef Land gefunden. Sie kam auf diplomatischem Weg im Jahr 1980 nach Wien und befindet sich heute im Besitz der Österreichischen Akademie der Wissenschaften.


Weyprechts Flaschenpost aus 1874


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