Ans wahre Ende der Welt: Franz Josef Land - Pure-Landscapes

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Ans wahre Ende der Welt: Franz Josef Land

Expedition in russische Hocharktis

zu polarem Meereistiefststand und roten Augen










Die Reise begann lange davor im Kopf, weil darin Träume entstanden, die die spiegelglatten Weiten der Sunde zwischen den Inseln im Licht der arktischen Nächte erstehen ließen. Diese Eindrücke waren so real, dass ich sie vor Ort staunend glaubte wiederzukennen, obwohl ich sie nie zuvor gesehen hatte. Im Kopf herrschte das richtige Klima für die hunderten Inseln, die selbst am Ende des arktischen Sommers völlig mit Gletschern und Schnee überzogen waren.

Die Sonne stieg bei 82 Grad Nord am nördlichen Ende des Archipels Ende August in der Mitte der Nacht noch einige Sonnenscheibendurchmesser hoch über das Nordpolarmeer.

Das Klima im Kopf erahnte das Klima vor Ort im ersten Viertel des 21. Jahrhunderts: Kein Packeis, das die vielen Meeresarme wie den Austrian Channel, British Channel, Markham Sound, Collinson Channel blockieren konnte, da es in diesen nördlichsten Breiten um einige Grade wärmer wurde als in den gemäßigten Breiten.


Das Schiff steuerte durch den ständigen Nebel, der in großen und kleinen Schwaden in der Luft hing. Manchmal war nichts zu sehen außer der Hand vor den Augen. Manchmal durchbrachen Sonnenstrahlen den blei- bis lavendelgrauen Himmel und hoben Eisberge, Felsbuckel unter den Inlandeiskuppeln und mit frischem Schnee bedeckte alte Frostschuttberge hervor, gaben ihnen gewissermaßen eine Betonung, die diese unberührte Landschaft am wahren Ende der Welt in eine unbegreifliche Bescheidenheit hüllt.

Der Horizont ist dominiert von Eiswänden, die senkrecht ins Meer abfallen und Eisberge erzeugen. Sie schwingen sich in organischen Linien vom nackten Permafrostboden auf und ziehen kilometerlang den Horizont entlang – fünfzig Meter hoch und höher – bis sie durch die natürliche Sichtweite oder den immerwährenden Nebel verschlungen werden.

Bis zu den Inseln von Franz Josef Land hat es tagelang nur Meer gegeben. Dieses Meer – die Barentssee – zeigt sich zumeist von der wilden Seite, mit Wellenbergen bei Sturmstärke 8-9, die das Schiff von der Brücke herab gründlich durchnässen. Der Bordarzt hatte alle Händer voll zu tun, um die erbleichten Gestalten vom hastigen Gang zur Reling und zurück in den Schutz der Kajüten mit Mitteln zu versorgen, die ihnen das Leben weniger unleidlich erschienen lassen sollten. Wir stampften gegen die Kraft der Winde am 77. nördlichen Breitengrad, dort wo die Entdecker von Franz Josef Land – Julius von Payer und Carl Weyprecht – am Beginn des letzten Viertels des 19. Jahrhunderts zur gleichen Jahreszeit bereits mit ihrem Holzschiff Tegetthoff im Eis festgesessen hatten. Exakt 130 Jahre reichten aus, um aus einer selbst im Sommer nicht aufgehenden See ein stürmisches Schelfmeer zu machen. Wann wir genau den südlichen Inselbogen bei 80 Grad nördlicher Breite sichten würden, war unter diesen Bedingungen nicht vorhersehbar, aber es würden wohl die späteren Vormittagsstunden des dritten Tages auf See sein, bis Alexandra Island, Prince George Island, Bell Island und Northbrook Island mit dem schon fast abgetrennten Cape Flora, dessen Name nun auf ‚Cape Flora Island‘ geändert werden soll, aus den Nebelbänken erheben würden.

Die Nähe der Inseln wurde evident, als sich die Oberfläche des nun ruhiger werdenden Meeres mit hunderten, ja tausenden von Meeresvögeln belebten: Alken, Sturmtaucher, Skuas, Eismöven. Sogar Buckelwale tauchten aus der nun fast glatten, die graue Himmelsdecke spiegelnde Barentssee auf.

Einheimische würden uns an den Küsten nicht erwarten, denn der Archipel war nie besiedelt. Zu sehr am wahren Ende der Welt liegt er, zu kalt ist er über die Jahrtausende gewesen und vom festen Packeis vor Eindringlingen geschützt. Wären da nicht die Polarfahrer der österreichisch-ungarischen Monarchie gewesen, die es im Innersten spürten und so sehr hofften auf noch unbekanntes Land zu stoßen und es zu erforschen und mit Namen der Monarchie übersäen zu können: Wilczek Insel, Erzherzog Rainer Insel, Kronprinz Rudolph Insel, Wiener Neustadt Insel, Klagenfurt Insel, Kap Tirol, ... und natürlich wurden die heldenhaften Erforscher selbst mit ‚Payer Insel‘, ... von späteren Expeditionen bedacht. Ende des 19. Jahrhunderts und bis etwa 1930, als sich Russland diesen Archipel einfach zu Eigen machte, wurde FJL zum Tummelplatz der Nordpolexpeditionen, gaben sich legendäre Personen wie Fridtjof Nansen und Frederik Jackson die Hand, um einander zu retten. (Jackson zum verwildert aussehenden Nansen, der nach 3 Jahren im Eis des arktischen Ozeans mit Schlitten und Kajak durch den Archipel gegen Süden vordrang, ohne genau zu wissen, wo er war, nur in der Hoffnung auf Rettung: ‚You must be Nansen‘. ) Ein Ereignis wie es nur mit der Auffindung von Livingstone durch Stanley im tiefsten Afrika vergleichbar ist.

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Die Norweger kannten FJL vermutlich schon vor 1874, gaben aber seine Existenz weit östlich von Svalbard nicht bekannt, um die guten, aber eisbewehrten Fanggründe für Robben und Wale im kurzen Sommer nicht der Konkurrenz aus anderen europäischen Ländern zu verraten. Russland zeigte erst Interesse, als am Beginn des 20. Jahrhunderts wissenschaftliche Expeditionen gestartet wurden und Stationen aus einfachen Holzhäusern auf den wenigen eisfreien Schotterflächen errichtet wurden.

Kap Flora lag zu exponiert, um eine verlässliche Anlandung zu ermöglichen, obwohl es dort dank der hundertausenden Vögel in den hohen Basaltklippen genügend Dünger gab, um im kurzen arktischen Sommer eine erstaunlich anmutende Menge an Blumen und Moosen wachsen zu lassen. Wären nicht die Eisverhältnisse häufig so gewesen, dass Expeditionen wie die von Jackson dort einfach an Land gedrängt worden waren, hätte niemand an dem Südende des Archipels Spuren von Holzhütten hinterlassen.

Daher wendeten sich die Russen weiter nördlich in den Archipel hinein zur ‚Stillen Bucht‘ (Tichaya Bay), wo sie 1915 die nach Leutnant Sedov benannte Station errichteten. Am Weg dorthin ziehen die Nebelschwaden um das vergletscherte Cape Flora Island und in später Abendstunde dürfen wir über das aus den Träumen bekannte spiegelglatte Meer zwischen den Gletschereisbergen zur Gunther Bay vordringen, um die Walrosskolonien zu sehen, zu hören und zu riechen.

Aus der Perspektive der Annäherung schien sich die flache Felsinsel insgesamt zu bewegen bis zu erkennen war, dass es nicht die Felsen sind, sondern die hunderten von Walrossmütter mit den Jungen, die sich in trägen Bewegungen unter und übereinander bewegeten und uns in der Nähe mit grossen, blutroten Augen ansahen.


Die Väter sind nach der Paarungszeit über hunderte von Kilometern zurück nach Svalbard gezogen. Die Walrosse sind zögerlich, ängstlich schauen sie zu uns herüber und überlegen, ob Flucht notwendig sei oder nicht. Die Expeditionsleiter verstehen diese Signale mit viel Einfühlungsvermögen und ziehen unsere Zodiaks zurück, sobald Anzeichen von Panik zu erkennen sind, bis es einer interessierten Gruppe von Walrossen gelingt, auf greifbarer Nähe mit uns in Kontakt zu kommen. Mit angehaltenem Atem bin ich überwältigt vom Anblick der Tiere, von ihren steifen Barthaaren und ihrer mit Molusken besetzten, gefurchten Haut, die eine perfekte Isolation im minus eineinhalb Grad kalten Wasser ermöglicht. Es dampft und schnaubt um uns, man spürt Achtsamkeit und Rücksichtnahme auf beiden so unterschiedlichen Seiten.

Die Sedov-Station wird von einigen Russen, die in einer der renovierten Holzhütten wohnen, in Stand gehalten. Die Umweltsünden der UDSSR-Zeiten, als hier arktische Grundlagenforschung über ca. 50 Jahre hinweg betrieben worden war, mit eigenem Hangar für kleine Flugzeuge und den vielen rostigen, lecken Öltfässern sollen beseitigt werden, um damit dem Anspruch eines Nationalparkes gerecht zu werden, unter dessen Schutz FJL zusammen mit dem nördlichen Teil von Nowaja Semlja seit April 2011 stehen.

Das arktische Klima ist kalt genug, auch Sommers, um Zersetzung und Verrottung stark zu verzögern. Somit werden die seit den 1950-er Jahren nicht mehr bewohnten Häuser von innen zerstört, wo sich durch Ritzen und zerstörte Fenster Schneewehen zu stattlichen Eispanzern aufgebaut haben und durch Feuchtigkeit und Eisdruck das Gebäude langsam zuerstören.


Eisbären sind durch das sommerliche Tauen des Meereseises dazu verdammt an, Land zu darben, wenn sie die „letzte Scholle“ im Sommer verpassen, wenn sich das Eis auf ein Kerngebiet um den Nordpol zurückzieht. An Land müssen sich die Forscher durch Gewehre schützen. Die Eisbären sind seit 1973 weitgehend geschützt. Nur in Notwehr durfte dieser Bär vermutlich geschossen werden – er lag für uns alle unerkennbar zwischen den Hütten. Erst daheim erkannte ich ihn auf dem Foto.

Der Eisbärenschutz ist wichtig – 2012 wurden wir Augenzeugen der geringsten Eismeerbedeckung seit die NASA 1979 begonnen hat, über Satelliten die Packeisdecke zu vermessen. Mittlerweile kann jeder über das Internet die tagesaktuellen Eiskarten abrufen und sich ein Bild über den dramatischen Eisschwund der letzten 30 Jahre machen: Sind es im Winter ca. 14 Mio. km², die den Nordpol umgeben und die im Sommermittel auf ca. 8 Mio. km² abnehmen – das Atmen der arktischen Breiten – waren es dieses Jahr nur mehr 3,5 Mio. km². Das entspricht einer Abnahme um 50%! Unter 1 Mio. km² wird man bereits vom eisfreien Polarmeer sprechen. Noch schlimmer ist die Volumensreduktion, da das mehrjährige Eis immer weniger wird und die Stürme ein leichtes Spiel haben, im einjährigen Eis zu wüten. 80% weniger Masse als das langjährige Mittel seit 1979 wurde 2012 gemessen, was uns mit dem Schiff bis auf 83 Grad nördlicher Breite ohne wesentliche Behinderung vordringen ließ. Natürlich presst sich die Ortelius gegen die Eisschollen, schiebt sich darauf und bricht sie mit lautem Getöse, aber wir sind nicht auf einem der nuklear betriebenen russischen Eisbrecher unterwegs, die bis zum Nordpol und darüber hinaus fahren können, und erreichen trotzdem diese hohe Breite, müssen diese Breiten auch erreichen, um Eisbären in ihrem natürlichen Habitat zu sehen.

Ein dreijähriges Weibchen taucht aus dem Nebel über dem Packeis auf, wieder ist es eine sehr respektvolle Begegnung beider Seiten miteinander und ich bin froh, dass die Gewehre der Expeditionsleiter immer nur für den äussersten Notfall mitgetragen werden.

Hier im arktischen Ozean sind wir durch das Schiff ausreichend von einander getrennt, aber bei Landgängen kann es schon sein, dass trotz großer Vorsicht und Erkundungsfahrten aus einer Nebelbank plötzlich der König der Arktis hervortritt und durch seine aufgezwungene Fastenzeit dem Menschen gefährlich wird. Wir sehen ein junges Weibchen, das anscheinend aus einem Kampf um Futter mit einer Schramme über dem Auge hervorging.

Der Kanibalismus nimmt angeblich zu, was aber wissenschaftlich noch nicht bestätigt werden konnte. Es erscheint aber plausibel, dass durch die Nahrungsknappheit der Kampf ums Überleben härter wird, lebt doch eine ganze Kette von Tieren von den Nahrungsreichtümern des arktischen Packeises, das immer weniger wird: An dessen Unterseite gibt es durch das 20cm bis 1m dicke Eis hindurch genügend Licht, um Plankton und Algen Nahrung zu bieten. Darauf baut die gesamte Nahrungskette auf: Mollusken, kleine Fische, große Fische, Meeresvögel, Robben, Wale und Walrosse, bis hinauf zum Eisbären. Es ist eine wesentliche Umstellung dieses Ablaufes, der derzeit im Gange ist, mit unsicherem Ausgang für die Betroffenen. Der Mensch als Nutzer der großen arktischen Fischschwärme wird die Erwärmung nicht nur im Schrumpfen der Eiskappen erleben.

Lt. Sedov zog mit seinen Leuten Richtung Nordpol, überlebte aber die harten Bedingungen nicht. Nansen und Johansen kamen vom Nordpol her und mussten den einbrechenden Winter mit seiner monatelagen Dunkelheit in diesen Breitengraden in einer behelfsmäßigen Steinwallunterkunft überstehen. Sie hielten sich an die Überlebenstechniken der Inuit und lebten vom Fett und Fleisch der Robben, Walrosse und Eisbären. Nansen und Johansen überlebten den Winter in der Felsgrube, geschützt von einem schneebedeckten Walrosshautdach, und gingen sogar mit Übergewicht in das Frühjahr, in dem es auf Cape Flora zu der bewegenden Begegnung mit Jackson und der anschließenden Rettung kam.


Viele Inseln wurden von Jackson mit den englischen Namen von Ehrenleuten und Expeditionsteilnehmern versehen: Nansen nannte ihm zu Ehren seine Überwinterungsinsel „Jackson Island“, Jackson wiederum nannte Nansen zu ehren die Insel am Markham Sound „Nansen Island“. Koettlitz Island erinnert an den Arzt der Jackson Expedition. Die Gletscher dieser Insel wurden 2008 von einer österreichischen Wissenschaftsgruppe unter Dr. Wolfgang Schöner vermessen, um den erwarteten Gletscherschwund auch in diesen Breitengraden zu erforschen bzw. zu bestätigen. Mit der aus dieser Untersuchung hervorgegangenen Karte von FJL bin ich der bestausgerüstete Expeditionsteilnehmer und muss diese auf der Brücke häufig den Interessierten überlassen. Bis um 8 Grad könnte es in dieser Höhe in den nächsten Jahrzehnten wärmer werden, und somit auch den endlos erscheinenden Gletscherwänden zusetzen. Wintertemperaturen um minus 30 Grad werden davon weniger betroffen sein als die Sommertemperaturen um den Gefrierpunkt, wie wir sie erlebten. Am nördlichsten Punkt des Archipels, Kap Fligely, benannt nach dem zeitgenössischen österreichischen Kartografen August von Fligely, trafen wir auf gestrandete Eisbären, die oberhalb der Basaltfelsen patroullierten und einen geplanten Landgang am nördlichsten Land von Eurasien für uns zu einem kurzen Ausbooten reduzierten.

Payer hatte dort bei seiner Schlittenerkundung 1874 noch geglaubt Land im Norden zu erblicken, Petermann Land, das sich aber durch Nansen 1896 als nicht existent erwiesen hatte. Ab hier erstreckt sich das tiefe Polarbecken über den Nordpol bis nach Alaska. Nur ca. 1000 km sind es von Kap Fligely bis zum Pol, den Wissenschaftler ab ca. 2020 sogar für Nichteisbrecher am Ende der Sommerperiode für direkt querbar errechnet haben – damit würde der kürzeste Weg von Europa nach Asien in die Beringstraße Realität werden. Ein Szenario, das die hunderten Arktisexpeditionen seit dem 17 Jahrhundert hinter der ‚Eisbarriere‘ des eisfrei geglaubten Nordpolmeeres prognostiziert hatten, aber nie antrafen und der Versuch der Überwindung der „Barriere“ häufig den Tod für die Teilnehmer bedeutete.

Copyright by Styria, Graz, Austria

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Auf Champ Island bekommt man Einblick in einen der seltensten geologischen Prozesse, wo sich fast perfekte Kugeln – Geosphären – von einigen Millimetern bis zu 3 Metern Durchmesser über Jahrmillionen im Erdinneren gebildet haben und nun durch den Gletscher freigegeben werden.

Auf Ziegler Island wandern wir ein Stück Moränenland entlang, das zuvor, so gut es aus den historischen Daten von FJL erkennbar war, noch nie von Menschen betreten wurde. Das arktische Licht tropft tief in die Seelen jener, die es in sich aufnehmen konnten. Gegenüber auf Greely Island werden am Abend von der Expeditionsleitung vermutlich die Überreste des bis dato unbekannten Expeditionslagers der Ziegler Expedition von 1902 entdeckt – Kane Lodge. Hier werden wir völlig unerwartet in anderen Ländern längst nicht mehr mögliche Erlebnisse eingetaucht.


FJL drängt unwillkürlich das Gefühl von Dankbarkeit und Einfachheit auf – dafür, ein Stück Erde – ein ganzes ‚Land‘ – noch (fast) unberührt von menschlichen Einflüssen erleben zu dürfen gepaart mit der Erkenntnis, dass Einfachheit und Zurückhaltung notwendig sind, um der Menschheit das Überleben zu ermöglichen.


Veröffentlich in gekürzter Form im on-line 'Der Standard' Juni 2013.
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